Lochindaal
Eine Brennerei am stillen Meerarm von Islay
Als Besucher sich im Jahr 1885 auf den Weg zur Lochindaal Distillery machten, begann die Reise am gegenüberliegenden Ufer von Bowmore. Das Ziel lag auf der anderen Seite des Loch Indaal, rund sechs Meilen entfernt, mitten in dem, was viele als den „Garten von Islay“ bezeichneten.
Der Weg führte zunächst durch Bridgend, ein Dorf, das beinahe vollständig hinter Bäumen verborgen lag. Gepflegte Gärten und üppige Blumenbeete säumten die Häuser – Weißdorn, Goldregen und Rosen erfüllten die Luft mit ihrem Duft. Die satten Wiesen, das frische Grün der Bäume und die Hecken voller Hagebutten erinnerten eher an England als an die raue Westküste Schottlands.
Nach der Überquerung einer mittelalterlichen Steinbrücke öffnete sich der Blick entlang des Flusses, wo einige bekannte Gesichter aus dem Hotel beim Angeln zu sehen waren. Kurz darauf passierte man Islay House, das in einem weitläufigen Park liegt, umgeben von Tannen und unzähligen Rhododendronbüschen, die entweder in Gruppen gepflanzt oder entlang der Waldränder gewachsen waren.
Der weitere Weg führte direkt am Wasser entlang. Loch Indaal ist kein gewöhnlicher See, sondern ein Meeresarm, der sich in die Laggan Bay öffnet. Auf der einen Seite begrenzen ihn die Rhinns von Islay, auf der anderen erhebt sich das Maol-na-Ho mit seinen hohen Klippen. In diesen Felsen liegt eine große Höhle, Sloc Mhaol Dorausdh, die einst als berühmtes Schmugglerversteck diente. Von hier aus wurden früher zahlreiche Whiskyfässer heimlich auf Schiffe verladen.
Schmuggel war auf Islay einst weit verbreitet, denn Whisky war schon damals das wichtigste Handelsgut der Insel. Erst mit dem Aufkommen legaler Brennereien und zunehmender Kontrolle begann dieser Handel langsam zu verschwinden. Entlang des Weges zeigten sich noch mehrere verlassene Verstecke aus dieser Zeit.
An diesem Tag lag das Meer ruhig da, fast wie ein Binnengewässer. Doch nach Stürmen, so erzählte man, brechen hier die Wellen des Atlantiks mit gewaltiger Gischt.
Bald tauchte am Ufer die Bruichladdich Distillery auf. Zwei Meilen weiter lag schließlich Port Charlotte, ein kleiner Ort, dessen wirtschaftliche Bedeutung vor allem einer einzigen Anlage zu verdanken war: der großen Brennerei von J. B. Sherriff, der Lochindaal Distillery.
Die Brennerei von Port Charlotte
Die Brennerei wurde 1829 von Colin Campbell gegründet. In den folgenden Jahrzehnten wechselte sie mehrfach den Besitzer, bis sie 1855 in den Besitz von John B. Sherriff überging. Unter seiner Führung entwickelte sich der Betrieb zu einem wichtigen Arbeitgeber der Region.
Die Gebäude standen kompakt auf einer Fläche von etwa zwei Acre und waren in praktischer Reihenfolge angeordnet. Der Zugang erfolgte durch ein Tor, das zum Meer hin ausgerichtet war. Rechts befanden sich das kleine Bürogebäude und das Wohnhaus des Brauers, während links großzügige Kornspeicher und Mälzböden lagen. Direkt gegenüber dem Eingang erhob sich das Brenngebäude.
Die Mälzböden besaßen einen Trockenboden aus deutschem Drahtgewebe, der zur damaligen Zeit als besonders kostspielig galt und der erste seiner Art auf Islay gewesen sein soll. Zur Trocknung des Malzes wurde ausschließlich Torf in offenen Öfen verwendet.
Das weiß gekalkte Sudhaus war sorgfältig gepflegt und mit einem runden Maischbottich, einer Underback und zwei Heizkesseln ausgestattet. Im Tun Room standen acht Gärbottiche mit einer durchschnittlichen Kapazität von jeweils 10.000 Gallonen.
Das gut beleuchtete Brenngebäude beherbergte drei Pot Stills alter Bauart, ergänzt durch die üblichen Receiver und Charger. Die Brennerei produzierte ausschließlich reinen Islay-Malt.
Lagerung und Versand
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, direkt an der Küste, befanden sich mehrere Zolllager, die Platz für rund 5.000 Fässer boten. Ein Teil des Whiskys wurde über den Bruichladdich Pier verschifft. Andere Fässer wurden zu Flößen zusammengebunden und von kleinen Booten zu den vor der Küste wartenden Schiffen gezogen.
Das Wasser für die Produktion stammte aus den beiden Seen Loch Garroch und Loch Octomore, die in den Hügeln hinter der Brennerei liegen.
Zur Zeit von Alfred Barnards Besuch im Jahr 1885 betrug die jährliche Produktion 127.068 Gallonen Whisky.
Das Ende der Brennerei
1895 wurde die J. B. Sherriff & Co. Ltd. gegründet, die neben Lochindaal auch Anteile an der Lochhead-Brennerei in Campbeltown sowie an Bowmore auf Islay besaß. Später gelangte die Brennerei in den Besitz der Benmore Distillery Company, die wiederum von der Distillers Company Ltd. (DCL) übernommen wurde.
Noch im selben Jahr der Übernahme 1929 wurde der Betrieb der Lochindaal-Brennerei eingestellt.
Die Brennerei selbst existiert heute nicht mehr. Ihre Lagerhäuser jedoch stehen noch immer und wurden später unter Denkmalschutz gestellt. Sie erinnern bis heute an eine Zeit, in der die Brennerei von Port Charlotte zu den bedeutenden Whiskyproduzenten der Insel Islay gehörte.
Dieser Beitrag basiert auf historischen Recherchen, unter anderem auf Alfred Barnards "The Whisky Distilleries of the United Kingdom" (1887) sowie weiteren zeitgenössischen Quellen.