Glenside
Eine vergessene Brennerei aus der einstigen Whiskyhauptstadt der Welt
Der Weg durch Geschichte und Landwirtschaft
Manchmal beginnt die Geschichte einer Brennerei nicht mit ihren Brennblasen – sondern mit der Landschaft, die sie umgibt. Als Besucher im Jahr 1885 auf dem Weg zur Glenside Distillery waren, führte sie ihr Weg zunächst hinaus aus der Stadt Campbeltown zu Saddell Castle, einer alten Burg, die malerisch auf einem Felsvorsprung über der Küste thront. Die Gegend war einst eng mit der landwirtschaftlichen Geschichte der Region verbunden und galt zugleich als beliebtes Rückzugsgebiet für Schwarzbrenner.
Die Burg selbst war von düsteren Legenden umgeben. Dort soll einst der berüchtigte Despot McDonald, auch „Righ Fiongal“ genannt, gelebt haben. Ein Mann, dem große körperliche Stärke und ein ebenso grausamer Ruf nachgesagt wurden. Solche Geschichten gehören untrennbar zur rauen Vergangenheit der Region, in der Whiskyproduktion lange Zeit zwischen legalem Handwerk und heimlicher Brennkunst angesiedelt war.
Rückkehr nach Campbeltown
Nach diesem Abstecher führte der Weg schließlich zurück nach Campbeltown zur Glenside Distillery, die etwa eine Meile vom Hafen entfernt lag. Die Brennerei wurde 1830 an der Glenside Street errichtet und war Teil jener dichten Destillerielandschaft, die Campbeltown im 19. Jahrhundert berühmt machte. Betrieben wurde sie später von der Glenside Distillery Company, deren geschäftsführender Teilhaber J. Orr war.
Die Umgebung der Brennerei war selbst Teil der schottischen Kulturgeschichte. In der Nähe lebte einst Mary Campbell, besser bekannt als „Highland Mary“, die Muse des Dichters Robert Burns. Ihr Vater war Seemann auf einem in Campbeltown stationierten Revenue Cutter und lebte meist in einer kleinen Hütte gegenüber der Bucht.
Aufbau und Produktion
Die Brennerei selbst präsentierte sich als klassischer Campbeltown-Betrieb. Der Rundgang begann bei den drei Malzböden, gepflegten Gebäuden mit tiefen Darren, in denen das Malz über mit Torf und Kohle befeuerten Öfen getrocknet wurde. Von dort führte der Weg über Mühle und Schrotlager in das altmodische Sudhaus, ausgestattet mit Heizkessel, Maischbottich und Underback.
Im Tun Room standen sechs Gärbottiche, ergänzt durch einen Morton-Kühler und einen Charger. Besonders beeindruckend war jedoch das Brennhaus selbst. Zeitgenössische Besucher bezeichneten es als eines der gepflegtesten seiner Art. Dort standen zwei Pot Stills alter Bauart, die traditionell über Feuer beheizt wurden. Mehrere Receiver und Charger, ein kleiner Sampling Safe sowie eine Dampfmaschine zum Betrieb der Mühle vervollständigten die technische Ausstattung.
Lagerung und Kapazität
Hinter den Produktionsgebäuden lagen drei Lagerhäuser, eines davon rund 130 Fuß lang, in denen etwa 600 Fässer lagerten. Im Feinbrandlager befanden sich neben einem Sammelbottich auch die Anlagen zur Fassbefüllung sowie die Büroräume der Brennerei und der Steuerbeamten.
Das für die Produktion benötigte Wasser stammte aus dem Croshill Loch sowie aus einem tiefen Brunnen auf dem Brennereigelände. Zu jener Zeit produzierte Glenside ausschließlich Malt Whisky und verfügte über eine jährliche Produktionskapazität von rund 70.000 Gallonen. Die Brennerei arbeitete mit einer Wash Still von 2.483 Gallonen sowie einer Spirit Still mit einer Kapazität von 1.372 Gallonen.
Niedergang und Verschwinden
Wie viele Brennereien Campbeltowns wechselte auch Glenside im Laufe der Jahre mehrfach den Besitzer. Der Name blieb jedoch stets erhalten. Die letzten Eigentümer waren Robertson & Co., unter deren Führung der Betrieb schließlich 1926 eingestellt wurde.
Heute erinnert vor Ort nichts mehr an die einstige Brennerei. Die Gebäude wurden abgerissen und auf dem Gelände entstanden Wohnhäuser. Doch in den Aufzeichnungen früher Whiskyreisender lebt Glenside weiter. Als Teil jener Zeit, in der Campbeltown zu den bedeutendsten Whiskyzentren Schottlands gehörte.
Dieser Beitrag basiert auf historischen Recherchen, unter anderem auf Alfred Barnards ‚The Whisky Distilleries of the United Kingdom‘ (1887) sowie weiteren zeitgenössischen Quellen.